Vom Spielen der Kinder

Unbändige Lebensfreude und begeisterter Tatendrang durchglühen das Spiel unserer Kinder. Darin überwinden sie alle "Hindernisse" und entfesseln die stärksten Willens- und Gemütskräfte. Im Spiel verarbeitet das Kind alles, was ihm widerfährt, und taucht ein in die Wandelbarkeit des Lebens mit seinen vielfarbigen Facetten und Möglichkeiten.

Dabei macht es sämtliche grundlegenden Sinnes- und Sozialerfahrungen, die es für seine Entwicklung braucht, eingebettet in eine anregende Umgebung mit vielseitigen Spielmaterialien. Diese erhalten erst durch die Phantasie des Kindes ihre jeweilige Bedeutung.

Begleiten wir das Spiel der Kinder mit ganzem Herzen, so werden wir unmittelbar angerührt von der Ernsthaftigkeit ihres Tuns und stehen staunend vor dem, was sich Persönlichkeitsgeheimnis nennen lässt.

 

Wollen wir nun für eine kleine Weile eintauchen in diese immer regsame und nie stagnierende Wirklichkeit des kindlichen Spielens:

Es ist früh am morgen, die Kinder füllen erst nach und nach die noch nicht durchwärmten Räume. Ein kleines Mädchen tritt ein. Nach einer ersten Kuschelnde für die noch von draußen klammen Hände löst es sich. Es läuft zum Wurzelkorb, stellt einen standfesten Strunk mit den Verzweigungen nach oben auf, unten drum herum schlingt es ein rotes Tuch. Auf den Verzweigungen balanciert es mit viel Geduld kleine glatte Holzstückchen aus und bringt sie so zum Liegen. Jetzt ruft es:"Alle zum Würstchenessen kommen"!

Die anderen springen herbei und schon ist das Grillfest im Gange. Die Würstchen sind lecker und das Feuer wärmt bestens. Ein großer Junge spielt dazu Mundharmonika. Im Eifer und durch den großen Zulauf fällt der Grill schließlich um. Es gibt Tränen, die gleich wieder trocknen. Der Mundharmonikaspieler tröstet und überlässt dem Mädchen sein Instrument. Dieses darf nun frisch und frei auf seinem Rücken, dem Pferderücken, galoppieren und selber Musik machen. Andere Pferchen und Reiter gesellen sich dazu.

Unterdessen hat sich ein Junge das große rote Tuch übergeworfen. Als Gespenst scheucht er die ganze Truppe. Alles purzelt durcheinander und es wird schon fast ruppig. Da schallt es von drüben:" Die Schuhfabrik ist auf!"

Der neue Spielimpuls ist da. Ein großes Kind hatte sich aus herumliegender Pappe Schuhsohlen ausgeschnitten und mit dem Hammer Löcher hineingestanzt. Einige gehen jetzt bei ihm in die "Lehre", der Lärmpegel steigt entsprechend und bald liegt eine Reihe fertiger Sandalen (mit durch die Pappe gezogenen Bändern) zum Verkauf bereit. Es wird eifrig anprobiert und das Binden geübt. Da die neuen Sandalen sich kaum der tatsächlichen Schuhgröße anpassen, wird Laufen zum spaßigen Abenteuer.

Mitten in der Gaudi sitzt ein Zweijähriger, schüttet in einen großen Topf alles, was er sieht, hinein: Muscheln, Klammern, Schnipsel, Wachsfarben…

er rührt mit einem langen Kochlöffel sein "eigenes Süppchen".

Gleichzeitig ist jetzt unweit der Fernseher eingeschaltet. Die Zuschauer sind sofort zur Stelle. Am Spielständer wird nun der Tuchvorhang feierlich beiseite gezogen: Püppchen, Tiere, Tannenzapfen, Bauklötze - alles hübsch aufgereiht - knisternde Spannung - Stille. Endlich fragt ein Kind: "Wann geht es los?" Darauf die trockene Antwort:" Gar nicht, das läuft von allein."

Jetzt kommt der Eiswagen (Rollregal aus der Werkstatt, das Eis ist Märchenwolle an Wäscheklammern). Genau das Richtige bei dieser Hitze. Einige ziehen sich gleich die warmen Pullis aus und schlecken genüsslich, andere verkaufen mit. Ein buntes sommerliches Treiben entsteht.

Endlich, oh groß willkommene Erfrischung: ein blaues großes Tuch wird auf dem Boden ausgebreitet und das Schwimmbad ist fertig. Von der Leiter springt man ins kühle Nass. Immer wieder wird ordentlich angestanden. Jeder Sprung will natürlich gesehen und der Mut bewundert werden.

Zwei andere Kinder haben mittlerweile alle vier Tische zusammengerückt, obendrauf den kleinen Tisch aus der Puppenecke, drum herum die Stühlchen und daneben den Puppenherd mit Topf. Aus dem Wollknäulkorb wird das Rosa genommen. Hingegeben schneiden die beiden es in kleine Fadenstücke, die im Topf gerührt und dann auf kleinen Tellerchen portioniert werden. Hier im Spaghetti-Restaurant haben sich bereits Gäste eingefunden. Garniert wird noch mit Parmesan (weiße Märchenwolle) und man "speist" zufrieden.

Doch wie es oft so kommt: Wenn es am schönsten ist, passiert etwas, das man gar nicht brauchen kann: Die Wirtin fällt runter, wird aufgehoben, getröstet und bekommt einen Ehrenplatz im Zug (vier Stühle hintereinander), der die Kinder in den Morgenkreis fährt. Das Ende der ersten Freispielzeit ist eingeläutet.

Kein Zweifel, aus Kindern mit solcher Spielintensität werden einmal patente Erwachsene, die tatkräftig, kreativ und heiter im Leben stehen und überall ihren eigenen Platz finden.

 

Martina Albert