Das Erntefest

Während des Sommers, im Zusammenspiel von Himmel und Erde, haben die Pflanzen Licht und Wärme getrunken. Im Herbst zieht sich die Erde sanft in sich selbst zurück, die Himmelskräfte entfernen sich von ihr. Sommerliche Fülle finden wir konzentriert in Obst, Gemüse und Getreide. Gereiftes wird von den Pflanzen gelöst, bevor es in Verwesung übergeht. Mit der Ernte entzieht der Mensch die Früchte der Vergänglichkeit und führt sie als eigene Nahrungsgrundlage wieder dem Leben zu. Vor allem das Erntefest in seiner Bedeutung kann den Kindern als leibliche Wohltat mit allen Sinnen erfahren werden und seine "Urdankbarkeit" anlegen. 

Über die ersten Septemberwochen reiften in unserem Garten die Kerne der Sonnenblumen heran. Die Kürbispflanzen sorgten in ihrem ausschweifendem Wachstum für prächtige Funde an seltenen Orten- sei es als "Riesenkuckkucksei" in der Himbeerecke oder als"Leuchtkugel" neben der Tür den Fachwerkhauses. Die Kinder bringen bergeweise Kastanien, baden ihre Füße darin und Kastaniendrachen entstehen (Kastanien mit Krepppapierbändern). Auch ein kleiner Papierdrache wird unter den Händen der Kinder zum Leben erweckt, lernt das Fliegen, muss aber schließlich noch in aller Ruhe einige Tage Kraft für das Fest sammeln. Der Tagesablauf ist durchzogen von herbstlichen Liedern, Geschichten und dem Erntereigen, der den Weg vom Korn zum Brot (rhythmisch musikalisch) zum Bewegungserlebnis macht. Die Kinder freuen sich auf das Erntefest. Noch einmal schlafen, dann ist es soweit. 

Der Raum ist festlich vorbereitet, mit Kerzen erleuchtet. Die weiße Tischdecke liegt auf. Der noch dezent gestaltete Erntetisch ist in Erwartung. Die ersten Kinder kommen feierlich herein mit ihren verzierten Körbchen voller Obst, Gemüse, Blumen und Blättern. Alle Details werden eingehend bewundert und gewürdigt. Zunächst stellen wir die Körbchen eng beieinander auf den Seitentisch -wie eine große Erntefamilie mit der "Handschrift" eines jeden Kindes.

Wir wenden uns der offenen Schachtel mit den geernteten Sonnenblumenkernen zu. Die meisten von ihnen werden wohl in der Erde überwintern. Und dennoch gibt es einen Kern, der von seinem bestimmten Kind versorgt und behütet werden will. Die Kinder suchen mit tiefem Ernst nach ihrem Kern. Jedes findet ihn über kurz oder lang und legt ihn dann zu sich. Aus einem Körbchen holt es sich zwei leere Nussschalen. Die eine Hälfte wird mit Wolle weich ausgepolstert. Der Kern wird hineingelegt und mit einem Samenschlaflied zugedeckt, die Nuss mit Knetwachs verschlossen. Den Winter über darf der Kern daheim in Obhut der Kinder schlafen, im Frühling wird es in der Nussschale kribbeln. Dann will er wieder ins Erdreich keimen und wachsen.

Eilige Kinder, die ihren Kern schon längst gefunden und rasch zur Ruhe gebracht haben, sind bereits mit dem Kneten des Erntebrotes beschäftigt. Jetzt wird geformt und in den Ofen geschoben. Während der würzige Duft sich im Raum ausbreitet, widmen wir uns uns wieder den Erntekörbchen. Wir schmücken singend die Feststagstafel und den Erntetisch mit den mitgebrachten Schätzen der Natur. Manche verteilen sie voller Hingabe. Andere haben sich so persönlich mit dem Inhalt ihres Körbchens verbunden, dass ihnen das Abgeben an die große, gemeinsame Tafel schwer fällt. Die holen eher zögerlich Stück um Stück heraus und legen es bedächtig auf den Tisch, wobei sich der Trennungsschmerz in ihren Gesichtszügen spiegelt. Ein Mädchen huscht eilig in die Garderobe, um alles Mitgebrachte in seine Schublade zu stopfen. Doch kurz vor dem Frühstück, bedrängt vom Stau des Zurückgehaltenen, holt es alles und präsentiert die Überraschung stolz auf dem Tisch. Alles ist geschmückt. Die große Fülle der Ernte zeigt sich als gemeinsamer Reichtum. Wir finden uns um den Erntekranz zum Erntetanz und zu Mühlespielen.

Mittlerweile liegt das Erntebrot frischgebacken und duftend auf dem Tisch. Wir setzen uns, sprechen ein Erntegebet, das Brot wird feierlich verteilt. Bissen für Bissen schmecken wir die Sonnenkraft, die Liebesmüh von Bauer, Müller und Bäckern - ein echtes Gesundheitsbrot. Es stärkt uns für das kommenden Jahr bis zum nächsten Erntefest. Köstliche Nachtische folgen: Trauben, Pflaumen, Birnen, Äpfel……

"Die kleinen blauen Trauben sind von unserem Haus!""Die Birnen haben wir gestern im Garten gepflückt." Manche Kinder kennen ihr eigenes Obst genau und wollen nur davon essen. Viele naschen sich genüsslich durch die ganze Fülle. Wohlgesättigt danken wir.

Endlich ist Gartenzeit! Im Sonnenschein fliegen die Kastaniendrachen senkrecht in die Höhe oder von Kind zu Kind. Die Papierdrachen fliegen im Rennen besonders gut. Glück und Schmerz liegen nah beieinander-manchem Papierdrachen fehlt bald der Schwanz, oder die Kastaniendrachen hängen unerreichbar in den Bäumen. Alles wird am Ende gut. Die Kinder kommen herein und versammeln sich im Halbrund vor dem Erntetisch. Die volle Ernte liegt im    Kerzenschein vor uns ausgebreitet. Kürbisse, Paprika, Tomaten, Blumen und… strotzen vor Sommerwärme, leuchten wie von innen..

Die Geschichte vom Karoffelkönig, der mit der Krone auf dem Kopf von Kind zu Kind rollt, bildet den Abschluss unseres Festes.

Bei Kürbissuppe, Gemüsesuppe, Obstsalat, die wir gemeinsam zubereiten, lassen wir das Fest in der darauffolgenden Woche im Nachhinein schmecken.

Martina Albert