Ein Blütenfest im Kindergarten

Vom blauen Himmel schickt die Sonne ihre wärmenden Strahlen durch das frische Grün der Bäume und Büsche bis tief hinein in Wiese und Garten. Zärtlich umspielen sie die aufstrebenden Stiele und Knospen. Tausend kleine Sterne und Sonnen erwachen. Die Pfingstrosen entfalten üppig  ihre prachtvolle Blüte und neigen sich bald, um ihre farbigen Blätter der wartenden Erde zu schenken. Etwas wie eine "Hochzeitsstimmung" liegt in der Luft, die Zeit unsres Blütenfestes.

Im Garten beginnt ein Tag: Vögel halten ihr Morgenkonzert, frisch ist die Luft. Tautropfen glitzern im Licht, dessen Kraft die spätere Hitze des Mittags erahnen lässt.

Die ersten Kinder kommen, bringen Körbe mit Blütenblättern von Blumen, nicht mehr in voller Blüte und doch noch nicht verwelkt. Ein kleiner Junge zeigt stolz sein Körbchen voller Wiesenknopfblumen und Margaritenköpfchen, die er emsig Tags zuvor in der Wiese gesammelt hat. Geschwister schleppen gemeinsam einen großen Einkaufskorb mit Pfingstrosen und anderen eher effektiven Blütenblättern herbei. Ein weiterer Ankömmling hat schnell mit seiner Mutter auf dem Weg noch ein paar Rispen abgezupft und mitgebracht. Ein Tellerchen mit fein drapierten Stiefmütterchenblüten  wird feierlich überreicht und ein Kind braucht die Hilfe seiner Mutter, um zwei überquellende Eimer hereinzutragen. Was auch gebracht wird, alles hat besondere individuelle Bedeutung und findet seinen Platz in einer Vielfalt an Körben und Gefäßen rund um den Stamm des Lindenbaumes.

Nach zwischenzeitlichem Spiel können es einige kaum abwarten, bis wir jetzt endlich mit dem Legen unseres Blütenteppichs beginnen: In einem angemessenen Abstand zum Stamm des Baumes wird ein zarter Kreis aus roten Blütenblättern gelegt. Von einem größeren Jungen wird mehrmals mit Schnur und Stock maßgenommen, ob er auch wirklich einwandfrei rund ist. Nun kann der Teppich nach außen wachsen. In kleineren Grüppchen nehmen die Kinder ihre Körbe und helfen mit. Manche legen Blättchen für Blättchen zu schönen Mustern, andere streuen eher leicht darüber hin oder legen in großzügigen Runden. Der Junge mit Sinn für Maß und Zahl hütet wachsam den ebenmäßigen Radius.

Schließlich sind die Körbe leer und der Teppich ist zu schmal. Da können nur die Königskinder (also Vorschulkinder) helfen. Selbständig pflücken sie auf der benachbarten Wiese eine weitere Fülle an Blüten von Büschen und Bäumen, kehren zurück und vollenden den Teppich. Bunt, weich und voll ist er geworden - Zeit zur Stärkung mit Rosenkuchen und Sonnensaft. Während der anschließenden Spielzeit finden sich im Wechsel immer wieder begeisterte Blütenteppichwärter, die jeden möglichen Übergriff im Vorhinein wachsam verhindern.

Gegen Mittag wird unser Werk mit Bänken umgeben, auf denen die Kinder Platz nehmen. Wer noch nicht barfuß ist, darf jetzt Schuhe und Strümpfe ausziehen. In einer Wasserwanne mit schwimmenden Rosenblättern werden nacheinander die Füße der Kinder gewaschen und abgetrocknet. Inzwischen sind auch die Eltern und Geschwisterkinder eingetroffen. Eine Mutter stimmt die Geige, die Kinder kommen zur Ruhe.

Sie hören die kleine Geschichte einer Blütenelfe in der Irisblüte. Mitangeschaut hat sie, wie die Kinder die Blüten gelegt haben, und wünscht sich nun nichts sehnlicher, als in den Händen der Kinder darüberhingetragen zu werden. Ihr Wunsch geht in Erfüllung. Die Geige spielt und wir singen mit, während das erste Kind Schritt für Schritt über den weichen Blütenteppich geht, die Irisblüte behutsam in beiden Händen haltend. Diese wird an das nächste Kind weitergereicht, sobald das Geigenspiel innehält. Hier ein zarter Junge, der immer wieder bemüht ist, Blütenblätter zwischen seinen Zehen zu entfernen und doch die Blütenelfe in Ehren hält, so gut es geht. Dort ein Mädchen, das manches Mal traumverloren stehenbleibt, sowie sportlichere Größere, die schon Wert auf eine gewisse Anzahl an Runden legen. Ein Zweijähriges hat gleich eine Beschützerin, die es liebevoll begleitet… Jedes Kind nimmt so seinen Weg.

"Nochmal" ruft es am Ende und wir gehen alle hintereinander im "Gänsemarsch" über den Teppich bis die Geige uns entlässt. Abschließend nehmen wir die wundersame luftige Ausdehnung des Teppichs wahr, die sich mittlerweile unbemerkt vollzogen hat und verabschieden uns.

In den folgenden Tagen verblassen zunächst die Farben unseres Kunstwerkes, später kräuseln sich die Blätter und zu guter Letzt sagte ein Kind treffend:" Schau doch, das war mal unser Blütenteppich".

 

Martina Albert