Das Adventsgärtlein

Im Gang der Natur liegen Advent und Weihnachten in der dunkelsten Jahreszeit, in der Phase des Absterbens von Lebensprozessen. Zugleich wird sie auch „die lichte Zeit“ genannt.

Der Adventskranz mit seinen vier Wochenkerzen versinnbildlicht diesen Weg zum inneren Licht.

Mehr und mehr werden wir von einer Art Liebesimpuls erfüllt, der wie wir wissen auch die dekadentesten und matererialistischsten Erscheinungsformen annehmen kann und ohnehin das Weihnachtsgeschäft florieren lässt.

Dennoch kann sich kaum jemand dieser innersten Rührung erwehren,deren Herzstück

sich im Weihnachtsfest, dem Fest der Christgeburt findet. 

Im Kindergarten erleben wir die Vorbereitungen auf dieses Fest durch vielerlei Bräuche kultischer und bildhafter Art, die alle Sinne ansprechen und sich dem Kind wohlig einprägen.

Das Tor zur Vorweihnachtsfreude, zur Adventszeit

ist unser „Adventsgärtlein am 1. Adventssonntag. Es wird mit mit den Kindergartenkindern und ihren Familien gefeiert. 

In der Abenddämmerung leuchten uns schon die Begrüßungslichter entgegen.

Aus der Kälte kommend legen wir die Wintermäntel ab. Beim Betreten des Raumes breitet sich feierliche Erwartung aus:

Archaisch einladend liegt eine raumfüllende Spirale aus Tannenzweigen auf dem Fußboden.In der Mitte eine große leuchtende Kerze.

Ringsherum stehen Stühle im Kreis. Die Kinder nehmen Platz, dahinter die Eltern und Gastkinder. Auf einem Tisch am Anfang der Spirale warten Äpfel mit eingesteckten Kerzen darin, Stück an Stück.

Mit dem Klang einer Glocke wird es still im Raum.

Die Kinder hören, wie ihr Herzenslicht weit in den Himmel hinauf strahlt und dort zu goldenen Sternenfäden wird, aus denen Maria dem Christkind ein warmes Kleid für den Erdenweg weben kann. 

Adventslieder mit musikalischer Begleitung werden angestimmt und begleiten das ganze weitere Geschehen.

Das erste Kind wird eingeladen, bekommt eine Apfelkerze in beide Hände und geht behutsam den Spiralweg nach innen, darf seine Kerze am großen Licht in der Mitte anzünden und auf einen erkennbaren Platz zwischen den Tannenzweigen stellen.

Jetzt will es den Weg hinausfinden, ist aber so überwältigt, dass es die Orientierung verliert  und der rettenden Hand bedarf.

Dann stapft ein Junge, die Apfelkerze in der Hand, mit großen Schritten hinein.

Zielstrebig  zündet er seine Kerze an der Großen an, dreht sich schwungvoll, um einen „Stellplatz“ zu finden,das Flämmchen erlischt.Nochmals entzündet er das Kerzenlicht, stellt es dann in die Zweige und marschiert zügig mit ausladenden Schritten aus der Spirale hinaus.

Andere Kinder folgen unter Singen und Musizieren, mal souverän oder bang, mal forsch, mal zögerlich. Einige verirren sich oder kürzen durch einen Sprung über die Spirale zu ihrem Sitzplatz die Prozedur ab.

Das innerlich freudige und wohlwollenende Begleiten des Weges durch die Anwesenden Erwachsenen ist für jedes Kind wichtig. Ebenso die Gewissheit der Unterstützung der begleitenden Erzieherin, wo nötig. 

Die Kinder gehen ihren individuellen Weg, eingebettet in Liebe und Anteilnahme, stellen ihr eigenes Licht in die Gemeinschaft mit den anderen bis schließlich das ganze Adventsgärtlein im Lichterglanz erstrahlt.

Es ist als würde uns durch jedes einzelne Kind dabei etwas von dem Wie seiner eigentlichen Individualität und Lebensbahn anmuten.

Ausklingend, wenn alle wieder sitzen, verinnerlichen wir das große Bild bevor wir aus dem Raum hinaus ziehen.

Reich, weit und hell ist es in uns geworden durch das Licht eines jeden Kindes.

Draußen in der Dunkelheit warten alle. Jedes erhält sein Apfellicht zum Abschied.

Beißt es  noch am Abend oder am nächsten Tag in den Apfel, so wird er ohne Zweifel nach Advent schmecken.

 

Martina Albert